
Immer wieder findet man auf Webseiten, zum Thema ADS oder Asperger, Listen mit wirklichen oder angeblichen Betroffenen dieser Syndrome, die ein gewisses Maß an Berühmtheit erlangt haben. Diese erreichten sie nicht unter dem Label dieser Störungen, aber häufig mit Fähigkeiten die bei Betroffenen öfter vorkommen als im Durchschnitt der Bevölkerung.
Immer wieder taucht z.B. Albert Einstein auf, sowohl für ADS als auch Asperger. Bei ihm kann man zwar aus vielen Berichten seine Rückschlüsse ziehen, aber eine Post Mortem Diagnose bleibt fragwürdig. Auch John Nash muß oft genug für das Asperger Syndrom herhalten, von ihm weiß ich selbst nur gesichert dass er mit paranoider Schizophrenie diagnostizert wurde. (Laut
ICD-10 ist Schizophrenie ein Ausschlußkriterium für das Asperger Syndrom). Andere sind
John Lennon (Post Mortem-Diagnose, aber von ihm weiß man das er zumindest Legastheniker war), Winston Churchill oder gar Mozart.
Einmal müssen diese Menschen für die Betroffenen selbst herhalten. Sie dienen als Hoffnungsträger, die suggerieren dass man sich selbst nicht aufgeben muß, sondern dass auch aus einem völlig verkorksten Aspie oder ADSler noch etwas werden kann.
Oft dienen sie aber tatsächlich auch als Existenzberechtigung, als Lebensberechtigungsschein eines Behinderten, für die Aussenwelt. Damit diese erkennt das ADSler und Autisten lebenswert sind und nicht nur krampfhaft nach Möglichkeiten gesucht werden ihre Eigenarten aus dem Genpool zu entfernen oder sie zu 'heilen', sondern in ihrer Schwäche auch eine Stärke sehen.
Auch ich habe in diesem Blog eine entsprechende
Kategorie, die sich mit mehr oder weniger berühmten Menschen beschäftigt, deren Störung durch Ereignisse bekannt wird oder die damit selbst an die Öffentlichkeit treten, sich outen.
Mir geht es jedoch weniger darum mir selbst eine Existenzberechtigung zu verschaffen, als damit zu dokumentieren, wie das Wissen um diese Störungen und die Offenheit zunimmt. Denn was die Reichen und Schönen vormachen, wird oftmals von Otto-Normalverbraucher als nicht mehr so schlimm empfunden (wobei wir wieder bei der Existenzberechtigung sind..whoops).
Sehen wir doch einmal genau hin...
Andersartige sind populär, keine Frage. Schlagen wir die Zeitung auf, gehen ins Kino, schieben eine DVD in den Player, nehmen ein Buch aus dem Regal oder sehen einen Fernsehkrimi - das Mädchen/der Junge von Nebenan spielen höchstens eine Rolle als Opfer, Hauptrollen nur in wenigen Werken des Kunst-Kinos die es dann nie über Programmkinos hinausschaffen oder als skurile Nebenfiguren wie in "
Fargo". Skuril wirken sie in ihrer Normalität, weil diese so irritierend bekannt ist, wie in jener bunten Bilderwelt scheinbar fehl am Platz.
Filmemacher und Autoren leben davon, das man gerne ausgeflippte Underdogs ansieht oder über sie liesst, was mitunter eine direkte Fortsetzung von früheren Jahrmarktsattraktionen zu sein scheint, als man auch noch Kleinwüchsige und Bucklige ausstellte.
Auch Blogs, wie zum Beispiel
Lyssas Lounge, leben von einem Sammelsurium an liebenswerten Narren und ihren chaotischen Erlebnissen im Bekanntenkreis und dem zufälligen Beobachten anderer mal mehr oder weniger liebenswerten Narren in freier Wildbahn.
Sicher, es gibt auch die Bücher der heilen Familienwelt, wie sie meine Mutter gerne liesst. Doch werden diese Werke, ohne jeglichen Höhen und Tiefen, nie die Verkaufszahlen einer
Joanne K. Rowling erreichen oder eines Dan Brown. Selbst leichte Familienserien wie "
Alle unter einem Dach" brauchen einen
Steve Urkel um über längere Zeit interessant zu sein und zu bleiben.
Ein Blog-Eintrag über den Nachbarn, lohnt erst wenn er nicht mehr nur seinen Dackel Gassi führt, sondern mindestens bei Vollmond auf seinem Balkon eine schwarze Messe zelebriert oder wenigstens seinen
Mitmenschen ziemlich auf den Senkel geht.
Auch Berichte über (berühmte) Personen, betreffen deren Eskapaden. Normalität interessiert niemanden, jedenfalls nicht auf Dauer.
Reality-Soaps, ohnehin mehr aus Geldmangel der Sender entstanden, langweilen nur wenige Monate nach ihrer Blütezeit die meisten Fernsehzuschauer schon massiv, wie
jüngste Umfragen belegen. Tatort läuft dagegen seit Jahrzehnten und wird immer noch gerne gesehen.
Sieht man genau hin, wird man feststellen das sich die Reichen, Schönen und Berühmten in mehr vom Durchschnitt unterscheiden, als in jenen drei Attributen. Sieht man sich die Biographien von Filmschauspielern an wie zum Beispiel
Patrick Stewart oder
Sean Connery, bemerkt man das diese es mit dem normalen Leben versucht aber einfach nicht geschafft haben.
Andere haben ihren frühen Abschied aus dem Leben genommen. Jedoch nicht wegen Erfolglosigkeit, sondern wegen massiven Depressionen,
Bipolaren Störungen, Schizophrenie und anderen netten Untermietern. Drogensucht oder massiver Missbrauch bis hin zur Überdosis ist, wie so oft, mehr ein Symptom dafür denn ein Auslöser dass es den Leuten trotz ihres Erfolges schlecht ging.
Gerade jene, die so labil und fragil erscheinen, und die breite Masse im Endeffekt fesseln, sind jene mit der höchsten Kreativität, mit Schaffens- und Pioniergeist. Denn wahre Kreativität scheint mehr mit der Pipette, als mit der Gießkanne verteilt zu werden.
Dieses Wissen hat man in das simple Gesetz zusammengefasst, dass Genie und Wahnsinn oft nahe beieinander liegt.
Doch so spannend, so unterhaltsam die Bevölkerung solche Menschen auch finden mag - sie will aus der Ferne unterhalten werden.
Nicht jeder ADSler, nicht jeder Bipolare, nicht jeder Borderlinder oder Aspie wird reich und berühmt, oder zumindest berühmt.
Auch sie sind kreativ, oft Querdenker, oft Visionäre. Doch im Alltag stören sie den gewohnten Trott des Durchschnitts. Sie stören den Lauf der Welt, der als normal, wahr und richtig empfunden wird, während die Welten von Büchern und Filmen parallel existieren, aber nie integrierbar sind. Sie rufen Ängste hervor, da sie diese geordnete Welt scheinbar gefährden, solange sie nicht abschaltbar und zuklappbar sind. Ihre Ideen beunruhigen mehr als dass sie gewinnen und wenn sie nicht die Kraft haben diese gegen alle Widerstände durchzusetzen, verschwinden sie in der Vergessenheit und Nichtbeachtung.
Alle die anders sind, werden immer wieder in die Verlegenheit kommen ihre Lebensberechtigung nachzuweisen, denn sie funktionieren nicht im großen Uhrwerk der Gesellschaft, sondern sind eher ein autarkes Uhrwerk.
Kreative Aussenseiter sind das Salz in der Suppe dieser Welt. Doch wie im Märchen "
Der Salzprinz" wird der Wert dieses Salzes meist nicht erkannt.