Es reicht nicht, daß ADSler es in dieser Welt mit ihren gängigen Anforderungen ohnehin schwer haben zurechtzukommen...
Zu allem Unglück fühlt sich die Presse berufen, den Säckchen die diese und ihre Familien zu schleppen haben, noch zusätzliche Lasten hinzuzufügen.
Einfache Schlagwörter waren schon immer einfacher zu vermitteln als komplexe, biochemische Sachverhalte und in Zeiten steigenden Sozialneides hört man natürlich gerne, das solche, die besondere Förderung und Aufmerksamkeit für sich verlangen, einfach nur Simulanten sind.
"Ich habe es auch schwer..." hört man da den geneigten Bildzeitungs- oder Spiegelleser direkt sagen "..warum soll ich da mit meinen Krankenkassenbeiträgen auch noch die kleinen, weißen Pillen vom Nachbarssohn zahlen, der ja sowieso nur verzogen ist?"
Und warum sollte man sich um die Genugtuung bringen, nach zehn Jahren, wenn besagter Sohn der Trunksucht verfallen ist oder in der JVA sitzt, sagen zu können: "Ich habe es ja immer schon gesagt. Mit dem wird es böse enden." ...
Und die Grundregeln des Marktes sagen uns, das sich Zeitungen besser verkaufen, wenn man darin lesen kann was die Menschen hören wollen. Und nicht nur Zeitungen, nein auch Bücher.
Den allergrößten Bärendienst hat wohl
Jörg Blech den Betroffenen geleistet. In seinem Buch "
Die Krankheitserfinder" erklärt er AD(H)S kurzerhand zur Krankheit deren 'Erfindung' erst durch die Entdeckung von Ritalin (
Methylphenidat) möglich wurde.
Das Buch hat alles was es braucht(e) um ein Bestseller zu werden. Eine Verschwörungsgeschichte (Die Pharmaindustrie gegen den Rest der Welt und unsere Geldbeutel), viele einfache Erklärungen und viele "Ich habs ja schon immer gewusst."-Effekte beim durchschnittlichen Leser.
Tiefe in den medizinischen Erklärungen oder gar Beweise für Blechs Thesen sucht man dagegen vergebens.
AD(H)S, dem übrigens ein ganzes Kapitel gewidtmet wird, geht der Wissenschaftjournalist mit erprobtem Handwerkszeug an den angeblich nicht existenten Leib.
Fakten und echte Leidensgeschichten werden mit tentenziösen, wohlgesetzten Worten so ins rechte Licht gerückt, das jeder der nun - rein anhand der Fakten - glauben könnte an der Geschichte könne doch etwas dran sein, sich vorkommen muß als sei er dem größten Lügenmärchen der Neuzeit aufgesessen.
Nonchalant werden neuere Erkenntnisse der Forschung unter den Tisch fallen lassen, stattdessen einfach behauptet es fehle jeder Beweis für eine physische Ursache.
Die Frage warum Ritalin bei einigen Menschen erwünschte Effekte hat und bei anderen nicht, wird schlicht nicht gestellt.
Ebenso bleibt AD(H)S als Ganzes innerhalb dieses Berichtes eben dieses verwaschene Mischmasch als das es dargestellt wird. Kein Wort geht über die vordergründigen Symptome - Hyperaktivität und Konzentrationsschwäche - hinaus. Kein Wort fällt in Richtung der sonstigen Besonderheiten die bei AD(H)S-Patienten auftreten und bei diesen, nicht immer aber oft, für Leidensdruck sorgen. Kein Wort über sensorische Störungen, oder gar der Frage warum zur Hölle bei Betroffenen Aufputsch-, Schlaf- oder Narkosemittel wenig bis paradox wirken.
Der einzige Hinweis auf die Wirkweise von Ritalin bei ADS-Betroffenen, wird sogleich wieder mit einem negativ belasteten Schlagwort verbunden: "Wirkt wie Kokain." Warum eine Drogenwirkung, das Highsein, wie bei Kokain ausbleibt, dagegen wiederrum nur in einem Nebensatz abgetan.
Keinesfalls darf hier der Eindruck entstehen durch die Gabe eines bestimmten Mittels, würde tatsächlich nur ein existierender Mangel ausgeglichen.
Auch die ungeliebte Afa-Alge wird als Beweis für das Erfundensein von ADS ausgeschlachtet.
Schon zu Anfang des letzten Jahrhunderts wurde von geldgierigen Scharlatanen Heilwasser verkauft, welches das Leid von Gichtkranken lindern sollte. Überall wo Leidensdruck besteht und die Hoffnung etwas für den eigenen Zustand verbessern zu können sind Geldmacher - zugegebenermaßen - nicht weit. So natürlich auch bei diesem Thema nicht.
Aber zurück zu Herrn Blech.
Sein Buch würde sich natürlich nicht so gut verkaufen, wenn er nicht noch ein paar einfache Lösungen anbieten würde.
Zuerst: Natürlich sind die Eltern schuld, denn selbst wenn an AD(H)S etwas dran wäre, was es natürlich nicht ist, wäre es nur eine Anlage und kommt es erst zur Blüte wenn die Familie so richtig versagt.
Und zweitens: Selbst wenn man so etwas hat, helfen einfache Lebensveränderungen. Dann hilft es einem zum Beispiel nach jeder Schulstunde eine Runde ums Schulgebäude zu rennen. Hat schon
Winston Churchill geholfen.
Danke Herr Blech. Wie konnten wir das all die Jahre nur übersehen?
Mit zwei weiteren Schlagworten beglückt uns die Presse. Und zwar abwechselnd.
Beide zusammen in einen Artikel gepresst würde wohl die Schwächen der oberflächlichen Berichterstattung zu offensichtlich werden lassen.
Ich rede hier von "Kinderkoks" und dem "Ruhigstellen durch Ritalin".
Das Kinderkoks läßt sich wunderbar, für alle einleuchtend, herleiten. Schließlich ist Methylphenidat ein Betäubungsmittel aus der Klasse der Amphetamine. Kokain ist dies auch. So schließt der desinformierte Leser natürlich Messerscharf: Die Kinder werden unter Drogen gesetzt.
Wieder hört man in den entsprechenden Artikeln nichts zum Thema warum eine Drogenwirkung ausbleibt und warum auch keine Abhängigkeitsgefahr besteht. Zumindest bei korrekter Verordnung bei vorheriger korrekter Anamnese nicht. All dies führte die Leser viel zu tief in eine Materie hinein, von der sie ohnehin nichts wissen wollen. Denn was sie hören wollten wurde schon mit dem Schlagwort gut bedient.
Auch das "Beruhigungsmittel" bereitet den Journalisten kaum Erklärungsmühe. Schließlich sind die Kinder nach der Einnahme des Mittels
entsprechend ruhiger als vorher.
Das auch hier keinerlei Vergleich zu einem klassischen Beruhigungsmittel wie Valium oder auch nur Baldrian besteht, wird auch in diesen Artikeln verschwiegen.
Wie sollte man die Aufmerksamkeitsspanne der Leser auch fesseln, wenn man nun mit Erklärungen begänne was der Unterschied zwischen Sedierung und Fokussierung ist?
Zuletzt bleibt da noch die Litanei der Fehldiagnosen.
Sicher Fehldiagnosen gibt es sicher. Auch und gerade im Bereich ADS, der gerade stärker ins Bewußtsein der Ärzteschaft rückt.
Jede Fehldiagnose ist bedauerlich, könnte vermieden werden wenn unser Gesundheitssystem den Ärzten mehr zeitlichen Spielraum für ihre Diagnosen gäbe. Aber mal ehrlich... War die Tatsache das Ärzte sich auch irren können schon jemals der Beweis das eine bestimmte Krankheit, ein bestimmter Leidensdruck, rein auf Einbildung basiert?
Auf andere Weise fatal sind Meldungen in denen medizinische Intervention nur in 'schwerwiegenden' Fällen propagiert wird. Denn die Zwischentöne lassen dann immer verlauten, das diese 'schwerwiegenden' Fälle jene sind, die uns in unserem Alltag auf den Geist gehen.
Auf das auch weiterhin nur jene Hilfe bekommen denen wir sie zugestehen... nicht jene die sie brauchen...
Ein schönes PDF zu den neurobiologischen Hintergründen von AD(H)S findet sich hier: http://home.datacomm.ch/georg.umenhofer/neurobiologieADHS.pdf Pflichtlektüre für Sie Herr Blech. via de.alt.soc.aufmerksamkeitsdefizit
Aufgenommen: Dez 02, 00:26
AD(H)S als anerkannte Störung ist nach wie vor heiß umkämpft. Es gibt glühende Gegner - nicht wenige davon handeln aus eigenem finanziellen Interesse - und glühende Befürworter - nicht wenige davon, schießen in ihrem Enthusiasmus auch über das Ziel hi
Aufgenommen: Aug 10, 13:54