Immer wieder hört man - vor allem - im Zusammenhang mit ADS das es eine bequeme Diagnose sei. (Bei AS singen die meisten Ärzte ein anderes Lied, nämlich: Sie haben jetzt so lange damit gelebt, wofür brauchen sie das denn jetzt noch?)
Doch sehen wir uns diese 'Bequemlichkeit' doch einmal unter der Lupe an...
Sicher, da gibt es wahrscheinlich die Zeit in der man glücklich grinsend durch die Gegend rennt und wirklich jedem der einen früher für dumm und unfähig hielt unter die Nase reibt, das man gar nichts dafür kann, weil schlicht und ergreifend ein paar Neurotransmitter verrückt spielen.
Das man mindestens intellektuell ebenso leistungsfähig ist wie alle anderen ... nein
mehr.. denn man hat es ja geschafft bisher auch mit dieser Störung zu überleben ohne in der Gosse zu landen.
Das ist die Zeit die wohl gemeinhin als 'Auf der Diagnose ausruhen' bezeichnet wird.
(Und hier sei ketzerisch angemerkt ob nach n Jahren funktionieren auf 150% ein bisschen Ausruhen mal nicht gerechtfertigt ist...)
Diese Zeit findet statt kurz bevor man in die tiefe Depression kippt, wenn man begreift das weder ADS.. noch AS je heilbar sein wird. Das man bis zum letzten Tag damit kämpfen wird und möglicherweise noch viele Mißerfolge vor einem liegen... trotz aller harten Arbeit.
Aber nun zurück zur 'Bequemen Diagnose'.
Was daran ist also nun bequem? Die Tatsache das es ein Medikament gibt das den Zustand etwas erträglicher machen könnte? Das einen unterstützt wie eine Brille oder eine Krücke?
Weder Edronax noch Ritalin schreiben oder bezahlen die Rechnungen. Keines der Medikamente strukturiert einem den Tag, räumt die Spülmaschine aus oder lernt für einen für die nächste Prüfung.
Doch ziehe ich meine Brille ab, kann ich die Buchstaben auf meinem Laptop- Schirm schlechter fokussieren. Ich werde Kopfschmerzen bekommen und dieser Artikel wird vielleicht nie zu Ende geschrieben werden.
Ebenso der ADS-Student der für die Klausur büffelt und sein Hilfsmittel Ritalin nicht hat.. haben darf. Ihm fällt es schwerer seinen Geist auf das Pensum zu fokussieren, und auch dadurch können sich sekundäre Effekte einstellen wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit.
Ist es also wirklich nur 'Bequemlichkeit' das er die gleichen Chancen haben möchte wie ein Durchschnittsstudent, der sich auch längere Zeit auf Lernstoff konzentrieren kann und nicht gleich nach der ersten halben Stunde über dem Buch in Tiefschlaf fällt.
Ist es 'Bequemlichkeit' wenn Eltern sich weigern anzuerkennen das sie ihre Kinder nur falsch erzogen haben? Oder ist es nicht bequemer zu jammern man habe alles falsch gemacht und der Staat möge sich bitte nun um die mißratenen Gören kümmern und mit Streetworkern und Sozialarbeitern die gemachten Fehler wieder ausbügeln? Laut 'Mea culpa' schreien kann jeder... aber in den Kampf aus Therapien, Nachhilfeunterricht und endloser Förderung der eigenen Kinder einzutreten.. das ist eine Arbeit die gewürdigt werden sollte.
'Wir haben alles falsch gemacht und können nun nix mehr dran ändern' ist so ziemlich das Kontraproduktivste das man seinem Kind antun kann.
Und ist ADS für die Ärzte nicht eher eine unbequeme Diagnose?
Können sie den Patienten mit der weithin bekannten und akzeptierten Diagnose 'Depression' belegen und bekannte und akzeptierte Pillchen verschreiben, haben sie ihr gegenüber ohne viel Aufwand 'glücklich' gemacht und wenn sie Glück haben und die erbarmungswürdige Therapie anschlägt auch zu einem halbwegs funktionierenden Mitglied der Gesellschaft.
Nicht umsonst stand im Beipackzettel von
Fluoxetin, das man es auch unproblematisch über Jahre hinweg verabreichen könne. Sowas nennt man dann wohl dauerhafte Hilfe.
Sicher, sowohl Mittel gegen Depressionen, als auch gegen ADS bekämpfen nur die Symptome und nicht die Ursache. Allerdings ist dem Patienten doch mehr geholfen wenn das richtige Symptom bekämpft wird, sollte man meinen...
Auch für die Umwelt ist ADS eine 'Unbequeme Diagnose'. Verbietet ein Feststellen der Störung doch die einfachen, anklagenden Finger die auf den Schlamper, den Träumer oder den Rabauken zeigen, der scheinbar nur auf die Welt gesetzt wurde um den Lehrern auf den Geist zu gehen. Fordert sie doch Verständnis, Unterstützung und Förderung.
Die Diagnose ADS ist ein einziger Schrei nach dem Aktiv-Werden aller Beteiligter. Ob Betroffene selbst, Eltern, Partner, Lehrer, Behörden und Arbeitgeber... und mitnichten bequem.
Das Märchen von der bequemen Diagnose gehört also an den einzigen Platz den es verdient. Den Papierkorb.