..dann fällt dir es ganz leicht. ...dann geht die Angst weg.
Wie oft hat jeder der unter Phobien gleich welcher Art leidet diese Sätze schon gehört? Gepaart mit 'Du mußt dich einfach mal überwinden'? Wie oft, hat alleine ein solcher Satz schon für Schweißausbrüche oder Schlimmeres gesorgt?
Und wie ignorant muß man eigentlich sein, um es tatsächlich zu glauben? Oder wie effektiv muß man sich belügen das es einem selbst 'so toll' geholfen habe?
Im Dezember 2003/Januar 2004 mußte ich mich der Standard-Behandlung für einen Hörsturz mit darauf folgendem Tinnitus unterziehen. Diese sieht (noch) vor, blutverdünnende Medikamente täglich per Infusion zu verabreichen. Basierend auf der Annahme ein Hörsturz/Tinnitus sei eine Art 'Mikroinfarkt', also eine Verstopfung der feinen Blutgefäße des Innenohres.
Eine Theorie die so langsam in den USA ihre Anhänger verliert, da alle bildgebenden Untersuchungsmethoden, sie nicht stützen können. Dort verlegt man sich drauf, die Patienten aus dem Alltagsstreß herauszunehmen und ihnen einige Tage völlige Ruhe zu gönnen. Eine Methode die keine schlechtere Erfolgsquote hat, als das Vollpumpen mit Blutverdünnern.
Über mehr als zwei Wochen trat ich also täglich beim HNO-Arzt an und ließ mir eine Kanüle in den Arm oder die Hand stecken.
Traumatisch für einen Nadelphobiker, aber immerhin erfüllte ich die Forderung aller Heilsjünger, die das 'immer wieder machen' predigen....
Ich saß also mit geweiteten Augen, rasendem Puls und stockendem Atem beim Arzt und versuchte krampfhaft nicht hinzusehen. Und ließ mich jedesmal von neuem anpflaumen, gezuckt zu haben.
Eingehen auf meine Phobie, Fehlanzeige. Obwohl ich damals noch als Privatpatient lief, denen ja bekanntermaßen mehr Zeit gewidmet wird, als dem Feld-, Wald- und Wiesen-Kassenpatient.
Statt das meine Nadelphobie besser wurde, war ich beim Ende der Behandlung kurz davor, mich lieber aus dem Praxisfenster zu werfen, als die nächste Nadel in mich hineinstecken zu lassen.
Als mir der HNO dann die Möglichkeiten der Weiterbehandlung, nach erfolglosem Ende der Infusionstherapie, nannte und auf eine Laserbehandlung hinwies, für dir vorher nur immer ein Ginko-Präparat gespritzt werden müsse, reichte alleine diese Aussicht auf einen – von mir gut verborgenen – Panikanfall.
Gegen eine Nadelphobie hilft es nicht sich ständig wieder stechen zu lassen. Es hilft weitgehend auf Nadeln zu verzichten, oder das endlich berührungslose Techniken den Einzug in den Alltag erhalten. Serienreif sind sie schon lange. Aber die Industrie der Einweg-Spritzen, hat keinerlei Interesse daran sich ihre Geschäfte durch eine abfall-arme Methode kaputt machen zu lassen.
Ebensowenig hilft es gehen meine Sozialphobie so oft wie möglich unter Menschen zu gehen. Es führt, wenn ich mich zwinge, höchstens zu kompletten Zusammenbrüchen, wie nach dem 50. Geburtstag meines Vaters, als ich mehrere Monate kaum aus dem Haus gehen konnte, und schon gar nicht alleine.
Ein Mensch mit Höhenangst, der die Berge liebt, wird soviel Positives im Überwinden seiner Angst finden können, das seine Phobie tatsächlich nicht nach hinten auskeilt und ihn frontal trifft. Somit wird er wahrscheinlich aus eigenem Antrieb versuchen sie durch Konfrontationstherapie zu überwinden. Und dabei wahrscheinlich erfolgreich sein.
Fehlt diese positive Komponente ist eine Phobie eine Phobie und die Konfrontation damit traumatisch. Punkt.
Eine Zahnarztphobie kann vor allem dadurch aufgelöst werden (oder erst gar nicht entstehen) wenn der Zahnarzt einfühlsam ist, nicht gegen den Willen des Patienten handelt und dessen Gefühle nicht abtut.
Ein 'Stellen Sie sich nicht so dran' von welchem Arzt auch immer, macht es einem Arztphobiker nicht leichter ihn aufzusuchen. Auch dann nicht wenn er jede Woche hintrabt.
Eine soziale Phobie kann man abbauen, in dem man sich in geschützen Raum mit angenehmen Leuten umgibt und dort fehlende Fähigkeiten übt. Nicht in dem man sich ungezielt so vielen Menschen wie möglich aussetzt..
Das ich die so hochgelobte Konfrontationstherapie für Folter statt eine Hilfe halte, dürfte aus meinen Worten unschwer abzulesen sein.
Somit meine Bitte an alle dort draußen. Behaltet die Küchenpsychologie-Ratschläge gegenüber Phobikern einfach für euch, wenn ihr die Probleme schon nicht ernst nehmen könnt.
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