Hören, Sprechen und Ich.
Eine Never-Ending Story mit vielen Mißverständnissen und Fallstricken.
Schon häufiger hatte ich den Eindruck, das mit meinem Gehirn weitgehend alles in Ordnung ist. Die Gedanken, Vorhaben, Bilder die dort entstehen scheinen mitunter so glasklar, so perfekt, so wunderbar und beruhigend. Die Probleme beginnen vor allem dann, wenn meine Gedanken, die Worte oder Bilder aus meinem Hirn herauswollen. Oder Informationen in es hinein.
Dann auf einmal scheint es diesen Knoten zwischen Hirn und Mund, Ohr und Hirn oder Hirn und Extremitäten zu geben. Oder auch eine Art Korken, der mal fester und mal lockerer sitzt.
Dann entsteht eine mässige und vermurkste Zeichnung, weil die Hand dem Bild im Kopf nicht folgen kann. Oder ich renne gegen die Tür, weil die Information das der Abstand zu gering ist, von meinen Extremitäten nicht oder nur unvollständig umgesetzt wird.
Am schlimmsten sind aber die Knoten, die das verbale System betreffen...
Mein Sprachverarbeitungssystem, scheint seit meiner Geburt ständig auf Notstrom zu laufen. Jahrelang galt ich als schwerhörig und musste Jahr um Jahr zeitfressende Ohrenarzttermine auf mich nehmen, bei denen mir immer das Wasser aus den Ohren gepustet wurde. Besserung.. marginal.
Jedes Angesprochenwerden ließ ein 'Hä?' von meiner Seite folgen, worauf der Sprecher erst einmal wiederholen durfte, was er gesagt hatte. Irgendwann lernte ich die gehörten und nicht gehörten Fragmente zusammenzubasteln und es wurde ein 'Hä? Achso!' draus, weil ich mit der Verzögerung einiger Sekunden das Gehörte dann doch vervollständigt hatte.
Eine Eigenart die die Geduld und Toleranz meiner Umwelt stark strapazierte und meinen Ex-Freund sogar zu der beständigen Forderung veranlasste ich solle mir doch endlich ein Hörgerät zulegen.
Eine reichtlich sinnlose Forderung, denn seit meinem Hörsturz Ende 2003 habe ich nun endlich noch einmal die hochamtliche Versicherung eines niedergelassenen HNO-Arztes, das mit meinem Gehör im Frequenzband der Sprache alles in Ordnung ist. Ein - geringer - Hörverlust besteht lediglich im hohen und tiefen Frequenzbereich, schränkt also vielleicht meinem Genuß klassischer Musik etwas ein. Aber nicht mehr und nicht weniger.
Was wirklich streikt ist die pure Verarbeitung der Sprachinformationen.
Besprechungen sind die Vorhölle. Stunden um Stunden strömen Sprachinformationen ein, die zu geballt und zu unstrukturiert sind um noch verarbeitet werden zu können. Mitschreiben war schon in der Schule ein Problem, da zuhören und die Graphomotorik im Griff zu halten, zwei kaum miteinander zu vereinbarende Tasks sind. Zusätzlich noch die Information zu strukturieren und
sinnvolle Notizen zu machen... Schon mal versucht auf einem Bein stehend vier Bälle zu jonglieren und mit dem freien Fuß einen Reifen zu drehen?
Arbeitsanweisungen per Sprache... Das Leben wäre einfacher, viel einfacher, wenn ich allen Kollegen, Mitarbeitern, Vorgesetzten, klar machen könnte das eine kurze Notiz, eine kurze Email oder eine strukturierte Vorgabe mehr bringen, als hundert Telefongespräche oder Jour Fixes und weniger Energie kosten als die Feststellung das ich die Aufgaben falsch oder unvollständig verstanden habe.
IRC... eine göttliche Erfindung, mithilfe derer ich sonst sprachlich vorgebrachte Informationen visuell aufnehmen kann. Und verstehe. Und behalte. Und meistens vollkommen richtig verarbeite. Die Koordination eines aktuellen Projektes läuft ausschliesslich über IRC, ein Wiki und Mail. Und sie läuft.
Keine Interpretation von Tonfall und Mimik, keine Zwischentöne, keine Verabeitungsschwierigkeiten, kein Knoten.
Gespräche unter Freunden... Nett.. hin und wieder. Aber - leider Fakt - anstrengend. Selbst wenn ich physisch mit Freunden in einem Raum bin, ziehe ich die Kommunikation über IRC oder andere schriftliche Wege vor, statt erst das Sprachsystem aus dem Dauersleep in den Notstrom hochfahren zu müssen.
Kein Wunder vielleicht das ich im
LARP einen stummen Charakter spiele. Kein Wunder vielleicht, das ich mit seit Jahren wünsche
DGS, die deutsche Gebärdensprache zu erlernen.
Von einer anderen Nebenwirkung meiner Probleme mit dem verbalen System kann mein
Ehe-Geliebter ein Liedchen singen.
Manche Paare verwenden erotischen oder 'Dirty'-Talk um sich in Stimmung zu bringen oder neue Ebenen der Lust zu erreichen. Dagegen braucht mein Geliebter nur ein oder zwei Worte zu flüstern und meine Libido fährt auf Null herunter und ist dann auch nur schwer wieder aus dem Koma zu erwecken.
Alleine erotische Zeichnungen oder Fotografien sind im Stande Lust zu wecken. Bei Hentaifilmchen muß ich den Ton ausstellen um an- statt aufgeregt oder gar agressiv zu werden.
Wenn Gedanken aus meinem Kopf herauswollen, kann ich den Knoten nur schreibend lösen, oder wenigstens den Korken lockern. Und obwohl bei mir, ebenso wie bei meiner
Freundin die Gedanken beim Gehen, beim Schwimmen oder Autofahren am Besten fliessen, kann ich nicht einfach ein Diktiergerät mit mir nehmen. Sobald ich versuche Ideen, Geschichten, Texte auszusprechen, werden sie in meinem Hirn zu einem grauen Matschbrei und das Diktiergerät nimmt nur ein Mischmasch aus Äh-Gestammel und 'Hab ich jetzt vergessen was ich sagen wollte' auf.
Jede Formulierung die sich in meinem Geist noch klangvoll anhörte, mutiert zu einem 'X tut jenes', 'Das Ding ist blau' oder 'Y, fühlt sich schlecht'.
Selbst die Stichpunkte einer Idee verbal zu notieren, gerät zu einem Ding der Unmöglichkeit.
Daher eine Bitte an all jene die auch morgen noch mit mir kommunizieren wollen: Nutzt IRC, IMs, Mail, Briefe, Faxe oder Kommentare. Ihr tut mir einen echten Gefallen damit.
Lest demnächst: Sehen, schreiben, die Graphomotorik und Ich.