In letzter Zeit habe ich das 'Glück' das meine nächtlichen Besuche in
#bdsm.de immer wieder in Diskussionen rund um ADS ausarten. (Und ich hab nicht mal angefangen!)
Jedenfalls veranlasste mich die Diskussion heute, mal ein wenig darüber nachzudenken was ADSler bräuchten um in unserer Gesellschaft glücklich zu werden. Angefangen mit der Schulausbildung.
Schule ist ein großer Zwang. Nicht umsonst heißt es Schul_pflicht_.
Was einmal dazu dienen sollte Kinder vor der frühen Ausbeutung auf dem Feld oder in Fabriken zu bewahren und allen eine gleiche Chance geben sollte, entwickelt sich immer mehr zu einem Kinderknast in dem man entweder auf Mittelmaß zurechtgestutzt wird oder untergeht.
Nicht nur wird die klassische Schulausbildung als alleine seligmachend empfunden, auch nach ihrem Ablauf - denn die Schulpflicht währt nur zehn Jahre und bei einigen ist es wirklich nur ein Ablauf und kein Abschluß - wird man ein Leben lang weiter daran gemessen das man dort aufs richtige Format zurechtgeschnitten wurde.
Doch gerade ADSler und auch Aspies sind sowohl hochintelligent als auch nonkonform. Viel Talent, viel Gewinn.. unendlich viele Möglichkeiten, werden einfach nicht genutzt, weil die Betroffenen einfach die Anpassungshürde nicht geschafft haben. Schaffen sie die Anpassungshürde dennoch, sind sie eben jenes: Angepasst. Und sie greifen nicht mehr auf ihre schlafenden Möglichkeiten zu, weil man ihnen beibrachte sie zu mißachten.
Um Menschen und insbesondere die hier angesprochenen Gruppen, wie einer der Channelbesucher zu sagen pflegt, artgerecht zu halten, bedarf es einigen Umdenkens...
Unsere Welt verlangt nach einem Höchstmaß an Sicherheit und Einschätzbarkeit der Umgebung. Nicht ohne Grund haben wir zuerst unsere Häuser befestigt, statt in Zelten zu leben und später auch Flüsse kanalisiert. Und so mancher würde seinen rechten Arm für eine Wetterkontrolle geben oder die Möglichkeit Erdbeben auf ewig zu verhindern.
So wurden auch Zeugnisse entworfen um Personalchefs die Möglichkeit zu geben einen Kandidaten schnell einschätzen zu können und ihn für qualifiziert oder unqualifiziert zu halten.
Keine Annahme wird so sehr überschätzt, wie die, das Zeugnisse ernsthaft verwertbare Informationen enthalten. Das würde bedingen das alle die gleichen Ausgangsvorraussetzungen erhalten, die exakt gleiche Förderung und komplett identische Interpretation der Ergebnisse.
In der Realität sieht es aber anders aus. Einige erhalten gute Noten weil sie wenig sagen. Andere weil sie viel sagen. Wieder andere weil sie genau das sagen was der Lehrer hören will, selbst wenn es das Falsche ist.
Ein Teil der Menschheit kennt ein Mädchen, das mit lieben Augenaufschlag ein paar Nichtigkeiten in den Raum haucht und dafür vom Lehrer mit der vollen Punkzahl bedacht wird, während das eigene, in 20 Stunden mühevoll ausgearbeitete Referat, mit einer guten Drei missachtet wird. Der andere Teil der Menschheit war eben das Mädchen mit dem lieben Augenaufschlag.
Sehen wir nun ein, das Zeugnisse und Noten komplett subjektiv sind und nichts aussagen, das sogar ein Pokerspiel noch berechenbarer ist, das sie eigentlich komplett überflüssig sind, sind wir schon einen ganzen Schritt weiter.
Dann kommen wir langsam in die Richtung das jeder erlernt was er braucht und was er gut kann, statt mit sinnlosem aber abprüfbaren Wissen abgefüllt zu werden, wie eine Gans in der Maststation...
Ich würde gar so weit gehen, das es für einige Menschen nicht zwingend notwendig ist, Lesen, Schreiben und Rechnen über die Grundkenntnisse heraus zu lernen. Zumindest sollte man nicht versuchen es ihnen unter Zwang einzutrichtern. Gerade hyperaktiven ADSlern würde ich zutrauen auch ohne 10 Jahre Mathematikunterricht durchlitten zu haben, dennoch äusserst erfolgreich ein Unternehmen leiten zu können.
Würde man in großen, internationalen Konzernen wahllos ein paar hundert hohe Tiere einsammeln und sie zwingen unter Aufsicht und Zeitdruck einen Brief selbst zu verfassen, kämen sicher interessante Schwächen zum Tage. Doch im Alltag bemerkt sie niemand, da man spätestens ab einem gewissen Level eine Hilfe zur Verfügung hat, die genau jene Aufgaben übernimmt für die, die Manager selbst weder Zeit noch Fähigkeiten besitzen.
Genau das sehe ich als Sinn einer Gesellschaft, als Sinn von Staatenbildung. Das jeder beiträgt was er am Besten kann, nicht zu was man ihn verdonnert.
Es kann nicht der Sinn dieser Gemeinschaft sein Fähigkeiten zu kastrieren, denn dann kann sie aus diesen keinen Nutzen ziehen.
Aber genau das tun wir.. täglich.. dauernd.
Sicherlich wird jemand der seine Kindheit und Jugend damit verbrachte Schauspiel und Musik zu erlernen, der sich nach heutigem Denken also irgendwie durchgemogelt und um das harte Lernen gedrückt hat, nachweisen müssen das er für Job XYZ taugt. Aber es wäre sinnvoller, dies durch erweiterte Probezeiten oder Praktika herauszufinden, statt über Blätter die mit Buchstaben bedruckt sind.
Wir erwarten lebenslanges Lernen... also sollten wir auch jene belohnen die dies ernst nehmen. Die sich verändern, entwickeln und deren Lebenswege dadurch nicht stromlinienförmig gerade sind.
Schule ja. Aber praktisch, ins Leben integriert und be-greif-bar.
Niemandes Lebensweg sollte zu früh festgelegt werden. Wer sich mit 10 noch keinen Deut für das Rechnen interessiert und viel lieber einen Ball über Gras kickt, kann mit 17 doch immer noch zum Mathecrack und dem nächsten Nobelpreisträger mutieren. Oder auch erst mit 27...
Der Spagat wäre zu schlagen zwischen Anleitung und Freiheit. In verschiedener Gewichtung, je nach dem was der einzelne Schüler braucht...
Ich bin überzeugt das wir uns das leisten könnten. Denn eine Gesellschaft die ihr Potential ausschöpft, ist eine besser funktionierende Gesellschaft, als eine die mit angezogener Handbremse und dem falschen Treibstoff dahintuckert, wie es unsere tut.