Den "Entsprich gefälligst meiner Vorstellung!"-Spielertypus findet man meist in offenen Chat-Rollenspielen oder auf LARPs. Seltener in P&P-Gruppen oder geschlossenen Chat- oder Forenrollenspielen, bei denen die Charaktere beim Eintritt ins Spiel sich einem Generalkonsens unterwerfen müssen.
Und meist verrät dieser Spielertypus mit seinem Verhalten mehr über sich und seine Gedanken bei der Charakterwahl, als über den kritisierten Mitspieler.
Sicher, jeder hat seine Grenzen dessen was er an Charakterkonzepten zu ertragen bereit ist und ich gestehe offen das Neko-Schwemmen, am Leben verzweifelnde Dämonen oder eitle Engel meine Geduld sehr strapazieren und durchaus zu spontaner Flucht meinerseits führen können, aber diesen Umstand meine ich nicht einmal.
Eher den Adligen auf dem LARP der sich beschwert das es zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer gibt. Auf die Frage hin warum er sich dann nicht dem Mißstand annimmt und einen Indianer spielt, bietet er - und all seine Freunde in Hörweite - eine ganze Palette an guten Begründungen.
Er hat ja schon seit dem ersten deutschen LARP im Jahr 1972 (ja natürlich weiss ich das die ersten LARPs in Deutschland zwischen 1989 und 1991 abgehalten wurden - je nachdem wer beim Allerersten dabei gewesen sein will

) Erfahrungen gesammelt und sich den Charakter 'ehrlich erspielt', ausserdem kann er nachweisslich einen Adligen spielen und hat auch 1000 EUR in die Gewandung investiert und einen Heraliker beauftragt ihm ein Adelswappen zu besticken, das dann mühevoll in die 1000 EUR Gewandung fußgeklöppelt wurde.
Oder die klunkerbehängte Frau, die bei einem Waffengeschäft bei dem ein zweistelliger Goldbetrag über den Tisch geschoben wird in einen gaaanz intimeigen Outtime-Kommentar verpackt das es sie wundert das scheinbar niemand an Geldmangel leidet. Wie unlogisch das doch wäre.
Den Drow, der sich beschwert dass scheinbar jeder Spieler die Sprache der Drow zu verstehen scheint, wo Drow doch so eine geheimnissvolle und seltene Rasse sind.
Ebenso ein Drow der - ganz innovativ - durch seine Erfahrungen im Unterreich zum Frauenhasser wurde.. und nur auf andere drowige Frauenhasser trifft. Was doch eigentlich sein Charkonzept war. Seins ganz alleine.
Der furchteinflössende Ork, der sich beschwert das keiner der anderen Spieler angemessene Angst zeigt, wo doch das 'Furchteinflössend' auf seinem Charbogen dreimal unterstrichen und mit entsprechenden Vor- oder Nachteilen untermauert wurde.
Der Engel, der die Schmollippe vorschiebt weil nicht jeder im Umkreis von 100 Metern dank seiner göttlichen Aura mit entrücktem Blick auf die Knie sinkt.
Der uralte Dämon der darauf beharrt einen größeren Überblick über den Lauf der Welt zu haben als jüngere Charaktere und nicht verstehen kann, das sich diese nicht einfach seiner doch angeblich naturgegebenen, grenzenlosen Weisheit beugen.
All jene Spieler haben eines gemeinsam. Sie haben sich bei der Charaktererstellung bereits vorgestellt wie ihr Charakter auf die anderen Spieler wirken sollte. Sie haben sich den Charakter passend zu der gewünschten Reaktion erstellt. Respekt, Furcht, Bewunderung, ein Herausstechen aus der Masse der Spieler, sollen nicht mühsam erspielt werden, sondern stehen direkt auf dem Charakterkonzept.
Im P&P, innerhalb einer kleinen und eingeschworenen Gruppe, funktioniert so etwas, sofern alle Mitspieler einverstanden sind das Hugo den Obermotz spielen darf, auch wenn ihm echte Führungsqualitäten fehlen oder sie kollektiv erschaudern sobald der Oberork, -dämon, -drow den Raum betritt.
Spieler die im LARP im Chat ein gewisses Verhalten der Mitspieler vorraussetzen, sehen alle Anderen als gesichtslose Horde und wollen selbst etwas Besonderes sein. Als einzige(r) natürlich, denn zwischen lauter besonderen Wesen ist man auch nichts besonderes mehr.
Da wird nicht nachgefragt "Warum hat dein Charakter denn so viel Geld?", sondern dem Anderen wird unterstellt die Charakterkonzepte von reichen Charaktere zu untergraben, aufzuweichen, allgemein und beliebig werden zu lassen. Man selbst hatte die Idee garantiert als erstes und sowieso aus $GRUND stärkere Rechte.
Und doch reissen sich diese Spieler nur selbst den Schleier vom Gesicht und enttarnen sich als Menschen die besondere Aufmerksamkeit und Bewunderung brauchen. Nicht als Spieler eines aussergewöhnlichen, innovativen und seltenen Charkonzepts.
So oft sie auch behaupten mögen
sie würden das ja zehntausendmal besser spielen als alle anderen.
* (1)
'ehrlich erspielt' gilt bekanntermassen als Markenzeichen aller Powergamer.